Diversität wird unter vielen Aspekten diskutiert. Die betriebswirtschaftliche Literatur  sieht in der Vielfalt einen Wettbewerbsvorteil. Ein Unternehmen, so heißt es, könne sich wechselnden Marktbedingungen besser anpassen, wenn die Belegschaft sich nach Merkmalen wie z.B. Alter, Geschlecht und ethnische Herkunft mische. Für die Hochschulen gibt es sogar einen Diversity Audit „Vielfalt gestalten“, den der Stifterverband für die deutsche Wissenschaft ins Leben gerufen hat. In den US-Medien kam nach der US-Wahl die Frage auf, warum man den Erfolg Donald Trumps nicht vorausgesehen habe. Eine gängige Theorie: Die meinungsführenden Redaktionen an der Ost- und Westküste seien zu homogen zusammengesetzt, um zu verstehen, wie der mittleren Westen ticke. „Wir brauchen mehr Vielfalt in den Redaktionen selbst, sowohl ethnisch, sozial, aber auch bezogen auf die Weltanschauung“, erklärt der New Yorker Journalismusprofessor Jeff Jarvis.

Grund genug, sich einmal anzuschauen, wie es in punkto Diversität um die deutsche Verlagsbranche steht. Wer in den Zielgruppenfinder von PZ Online Begriffe wie „Journalismus“ oder „Verlagswesen“ eingibt, erhält einen schnellen Überblick der Informationen aus der Markt-Media-Forschung. Vor allem die AWA ist in diesem Fall interessant. Sie erfasst die Beschäftigten in den Bereichen „Journalismus, Publizistik, Verlagswesen“. Grenzt man die Analyse auf die Vollzeitbeschäftigten ein, so hat man es mit 560.000 Personen zu tun. Die Strukturen dieser Gruppe können mit der erwachsenen Bevölkerung verglichen werden. Für manche Fragestellungen ist auch ein Vergleich mit allen Vollzeitbeschäftigten sinnvoll (Grafik unten).

Geschlecht und Alter: Frauen stellen 46 Prozent der Vollzeitkräfte in der Verlagsbranche. Sie sind damit überrepräsentiert gegenüber allen Vollzeitkräften (36 Prozent), aber unterrepräsentiert im Vergleich zur Gesamtbevölkerung (51 Prozent).  Besonders an der Spitze vieler Redaktionen sind Frauen nach Aussage des Vereins Pro Quote viel zu selten vertreten. “Journalismus lebt von unterschiedlichen Perspektiven. Deswegen brauchen wir gemischte Führungsteams”, sagt die stellvertretende Spiegel-Chefredakteurin Susanne Beyer. Was das Lebensalter angeht, liegt es in der Natur der Sache, dass sowohl Jugendliche, als auch Menschen im Pensionsalter unterrepräsentiert sind. Darin wird niemand eine Benachteiligung sehen.

Sozialschichten: Ein wenig heikler ist da schon die Frage nach der sozialen Schichtung. Beim gesellschaftlich-wirtschaftlichen Status (GWS) der AWA werden Bildung, Einkommen und Beruf sowie der Eindruck des Interviewers vom Lebensstil des Befragten mit Hilfe eines Punktesystems verknüpft. Aus den oberen Sozialschichten (GWS 1 und 2) rekrutiert die Verlagsbranche 56 Prozent ihrer Beschäftigten. Unter allen Vollzeitkräften stellen jedoch mittlere und untere Schichten eine 72-prozentige Mehrheit, und in der Bevölkerung machen sie sogar 78 Prozent aus.

Nun erfordern journalistische und verlegerische Tätigkeiten eine gewisse Bildung (die mit dem Einkommen korreliert ist). Und wenn eine Auswahl sachgerecht ist, kann man schwerlich von Diskriminierung sprechen. Dennoch: Die Möglichkeit, dass die Perspektive der weniger Privilegierten in den Medien zu kurz kommen könnte, ist nicht völlig von der Hand zu weisen. Einen gewissen Ausgleich mag es auf der weltanschaulichen Ebene geben: In der Verlagsbranche sympathisiert eine 59-prozentige Mehrheit mit den drei eher „linken“ Parteien (SPD, Die Linke, Bündnis 90/Die Grünen), die sich als Anwälte sozial Schwächerer verstehen.

Migration: 18 Prozent der Beschäftigten in der Verlagsbranche haben einen Migrationshintergrund. Damit sind sie – vielleicht überraschend – nur geringfügig unterrepräsentiert im Vergleich zu allen Vollzeitbeschäftigten (20 Prozent) und zur Gesamtbevölkerung (19 Prozent).  Zu bedenken ist, dass Markt-Media-Studien wie die AWA nur solche Migranten erfassen, die der deutschen Sprache mächtig sind.

Urbanität: Die meisten Menschen – knapp 60 Prozent – leben außerhalb von Ballungsgebieten in klein- bzw. mittelstädtischen oder ländlichen Milieus. Sie sind in Redaktionen und Verlagen unterrepräsentiert. Dort stellen sie nur einen Anteil von 39 Prozent. Wegen solcher Disparitäten mag der Erfolg eines Magazins wie Landlust vor einigen Jahren für Verlage in München oder Hamburg überraschend gekommen sein. Die Konzentration der Medienbranche auf Großstädte und Ballungsräume könnte sich durch die Digitalisierung noch verstärken. In einer Analyse des US-Magazins Politico wird eine solche Entwicklung jedenfalls beobachtet: Die regionale und lokale Presse baut in der Fläche Stellen ab, während die wachsenden digitalen Nachrichtenseiten in den Metropolen beheimatet sind.

Fazit: Frauen und Menschen mit Migrationshintergrund sind in Führungspositionen noch immer deutlich unterrepräsentiert, nicht aber in der Verlagsbranche als Ganzes. Untere und mittlere Sozialschichten sowie  nicht-urbane Milieus sind dagegen in der Verlagsbranche insgesamt deutlich weniger vertreten als es ihren Bevölkerungs- und Beschäftigtenanteilen entspräche.